Milo Rau & Ulf Kubanke bei der Afterparty nach dem Auftakt beim „Prozess gegen „Deutschland“. Thalia Theater, 13. Februar 2016. Fotocredit: (c) Zizino Kubanke
Ulf Kubanke mit einem ganz und gar subjektiven Eindruck von Milo Raus „Prozess gegen Deutschland“ im Hamburger Thalia Theater.
„First Murderer:
Banquo: “It will be rain tonight.”
First Murderer: “Let it come down.”
(Macbeth, Akt II, Szene 3)“
„Kunst wird dann interessant, wenn wir vor etwas stehen, das wir nicht restlos erklären können.“
Wollen Sie einem üblen Demagogen oder einem, den Sie dafür halten, den Prozess machen? Ihm aber mit einer öffentlichen Gerichtsverhandlung nicht auch noch eine Bühne bieten? Sie haben zwei Möglichkeiten: Sie können den Angeklagten vor Gericht reden lassen, schließen aber die Öffentlichkeit aus. Oder Sie lassen die Öffentlichkeit zu, schließen aber den Angeklagten aus.
Justitia in einem der vier Gerichtsbarkeits-Kapitelle an den Hauptportalen des Obergerichts Göttingen (Bild: Wikipedia)
Im Sozialismus habe ich beides erlebt. Die Berufungsverhandlung am Obersten Gericht der DDR gegen mich am 14. September 1984 war tatsächlich öffentlich. Ja gut, sie war nicht ein Schauspiel wie das am Wochenende im Thalia-Theater in Hamburg und stand auch nicht in der Zeitung. Aber meine Mutter und mein Bruder durften dabei anwesend sein. Sie wurden nicht des Gerichtssaals verwiesen. Ich hingegen blieb draußen.
Lebt seit 1992 in Deutschland: die Schriftstellerin Safeta Obhodjas. Foto: privat
Die aus Bosnien stammende Autorin Safeta Obhodjas spricht über Gewalt muslimischer Männer gegen Frauen, Verhüllungszwang, den Einfluss der sozialen Medien, die Rolle der Linken, und warum kritische Musliminnen wie sie vom Kulturbetrieb ausgegrenzt werden
Sie sind während des Bosnienkriegs vor den Serben nach Deutschland geflohen. Hier werden sie als liberale Muslimin sowohl von Islamgegnern wie von radikalen Muslimen angefeindet. Wie verkraften sie das?
Safeta Obhodjas: Wenn sie mich angreifen und bedrohen, Frauen übrigens viel häufiger als Männer, versuche ich einen Dialog oder eine Konfrontation. Wenn das nicht geht, ziehe ich mich zurück. Aus allem, was ich erlebe, mache ich meine Literatur. Ich habe keinen anderen Ausweg.
Was wirft man Ihnen vor?
Obhodjas: Muslime sagen, ich würde sie beleidigen. Und nun werde ich auch noch beschuldigt, eine Verräterin und Zionistin zu sein, weil ich das Massaker an Israelis vom 7. Oktober 2023 verurteilt habe und mehr auf der Seite von Israel stehe. Das verzeihen mir meine Leute auf dem Balkan nicht. Und auch viele Linke hier nicht. Weiterlesen
Deutschland ist richtig gut darin, den US-Präsident als das Böse zu markieren. Ansonsten schon bald in nichts mehr, wenn wir nicht aufpassen. Bild von kirill_makes_pics auf Pixabay
Spielräume schaffen. Das kann der amerikanische Präsident. Man wacht morgens auf und liest, dass sich die USA von der Klimapolitik verabschieden. Einfach so. Egal, wie man inhaltlich zur Politik von Donald Trump steht – in der deutschen Politiklandschaft kann das niemand. In Berlin können wir nicht mal Salz auf die glatten Straßen streuen, wenn der Winter kommt. In Deutschland wird vor allem abgewickelt, fantasielos vollzogen und argwöhnisch auf Leute geschaut, die das entschlossene Handeln noch nicht verlernt haben.
Eine Exil-Iranerin schildert, was sie durch Schergen des islamischen Regimes erlitten hat, wieso sie sich auch vor dessen linken Unterstützern fürchtet, und weshalb sie dennoch wie Hunderttausende in München gegen die die Mullahs demonstriert.
Ich bin verzweifelt, wenn ich sehe, was in meiner Heimat geschehen ist und immer noch geschieht. Es zerreißt mir das Herz. Seit 47 Jahren unterdrücken die Mullahs das Volk, besonders die Frauen. Sie rauben das Land aus, das eigentlich sehr reich ist. Sie nehmen den Menschen alles. In Teheran, meiner Heimatstadt, gibt es nicht einmal mehr Wasser, weil die Gegend durch ihre jahrzehntelange Misswirtschaft ausgetrocknet ist. Weiterlesen
Filmposter von 1975. Wikipedia / Warner Bros. / Public Domain
Eine Freundin empfahl mir David Gilmours Buch „The Film Club“. Der Plot ist, kurz gesagt: ein Vater erlaubt seinem Sohn, die Schule zu schmeißen, einzige Bedingung: sie müssen zusammen zwei Filme die Woche schauen. Das Ergebnis ist eine Mischung aus Familienroman und fortlaufender Filmkritik.
Polynesien 1977: Als Jacques Brel in seinem selbst gewählten Exil, der Marquesas-Insel Hiva Oa, den Entschluss fasst, sein letztes Album „Les Marquises“ aufzunehmen, ist er längst vom nahenden Tode gezeichnet. Bösartige Krebsgeschwüre wüten seit mehr als drei Jahren in seinem ausgezehrten Körper. Der ehemals stimmgewaltige König des Chansons besitzt nur noch einen Lungenflügel, und das letzte echte Studioalbum mit eigenen Liedern liegt bereits eine volle Dekade zurück („J’arrive“, 1968).
Im milden Südseeklima geben die Ärzte Brel bei Schonung mit Glück noch wenige Jahre.
Doch welkendes Siechtum ist nicht Sache dieses stets umtriebigen Charakters. Keine Sekunde.
„Lieber noch eine letzte Platte und dann ist mit einem Knall Schluss, als hier zu sitzen und auf den Tod zu warten!“
Von Paris aus ein letzter Paukenschlag statt welkendes Siechtum in der SüdseeWeiterlesen
Foto: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/5/5c/Frank_Schirrmacher.jpg?20170804181941, File Upload Bot (Magnus Manske) (talk | contribs) (weitere Infos am Ende des Textes*)
Gute Feuilletons gibt es in Deutschland noch immer. Auch ohne Frank Schirrmacher. Warum eine solche zwischenmenschlich nicht einfache Persönlichkeit heute dennoch gebraucht wird, zeigt die Entwicklung des Kulturjournalismus seit seinem Tod.
Am Ende hat er dann doch versagt. Es gab keine Nachfolger, denen seine übergroßen Schuhe gepasst hätten. Vermutlich hatte er nicht mit einem derart frühen Ableben gerechnet. Vielleicht aber lag es auch daran, dass er keine Götter neben sich duldete. Schon gar nicht junge und aufstrebende, die sich ihren Weg genauso entschlossen und gerissen nach oben bahnen wollten wie einst er.
Seit Frank Schirrmacher 2014 im Alter von 54 Jahren starb, ist das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zum bloßen Kulturteil verkommen. Natürlich werden dort auch weiterhin neue Bücher, Filme, Platten, Ausstellungen und Theaterstücke besprochen (man hat ja schließlich eine Servicepflicht gegenüber den Lesern), aber öffentliche Debatten werden keine mehr angestoßen. Weiterlesen
„Ja“ So sagen die einen, „So zukunftsgewiss ist sie halt, die große russische Seele.“ Mit diesem Lied von der Katjuscha und dem Brieflein von der Front, welches der Liebste schrieb.
Andere hingegen verweisen auf die dritte Strophe, heute gern vorgetragen vom Alexandrow-Ensemble, einem Chor der Russischen Streitkräfte und sagen: „So verlogen sind sie halt, die Russen, mit ihrem Singsang:“Weiterlesen
Nach Dinkelsbühl zu fahren, das bedeutet, in eine andere Welt einzutauchen. Hinein ins „Romantische Franken“, was hier mehr ist als ein touristischer Slogan. Hier in der Region, da finden sich die großen Perlen mittelalterlicher Städte. Natürlich Rothenburg ob der Tauber, Nördlingen, Kleinode wie Wolframs-Eschenbach – oder eben Dinkelsbühl, jene Stadt, die immer wieder mal zur „schönsten Altstadt Deutschlands“ gekürt wird.
Doch Dinkelsbühl will kein Freilichtmuseum sein – und jetzt, im Winter, ist die Stadt auch vergleichsweise wenig besucht. Überall Türme, Tore, prächtiges Fachwerk, Patrizierhäuser wie der „Hezelhof“ und das „Deutsche Haus“, das Heiliggeistspital oder großartige Kirchenbauten, allen voran das Münster St. Georg. Und drum herum: Weiher, Wiesen und Parks. Wanderwege, herrliche Radstrecken und auch ein Fluss-Bad an der Wörnitz gibt es.
Fotocredit: Artwork by ECM/Universal/Jarrett – Official Album Cover
Keith Jarretts „The Köln Concert“ (1975) ist mehr als nur ein Juwel des Jazz und der Improvisationskunst. Jarretts damalige Solopiano-Performance ist zugleich ein sinnlicher Solitär, der Jazz-Fans wie Hipster gleichermaßen verzaubert. Dabei begann Jarrets Aufenthalt in Köln mit einem unzumutbaren Hiotelzimmer und völlig verstimmten Klaviert auf der Bühne äußerst widrig. Bis der Pausengong der Kölner Oper für Jarrett zum Fanal für ein akustisches Wunder wird.
Es ist sicher keine Alltäglichkeit, wenn ein Album, das bei Jazz/Klassik einsortiert ist, knapp vier Millionen Exemplare verkauft. Das alles sogar ohne großen Werbeaufwand, nur aufgrund simpler Mundpropaganda. Das Album, um das es hier geht, avancierte vom schicken Geheimtipp zu einem popkulturellen Aushängeschild, das Conaisseure wie Hipster gleichermaßen auf dem heimischen Plattenteller zirkulieren lassen. Mit anderen Worten: Es dreht sich hier um Keith Jarretts „The Köln Concert“.
Pure Schönheit und emotionalisierende Klänge, die sich jeder Kategorisierung erfolgreich verweigernWeiterlesen