avatar

Faschismus ist keine Erklärung. Gegen falschen Alarmismus

Die AfD-Co-Vorsitzende Alice Weidel – eine neue Benita Mussolini? Bild: Wikimedia

Thomas Zimmer hat in diesem Blog eine hymnische Besprechung des neuen Buchs „Faschismus ist keine Haltung“ des Historikers Ilko-Sascha Kowalczuk geschrieben. Die große Frage ist jedoch, ob dieser Begriff geeignet ist, das zu beschreiben und zu bekämpfen, was sich in Deutschland und Europa vollzieht. Ich habe da Zweifel. Deshalb eine Replik.

Historische Parallelen zu ziehen ist verführerisch und bequem. Gegen eine Wiederkehr des Faschismus zu sein erlaubt nicht nur, sich auf der richtigen Seite der Geschichte und des politischen Spektrums zu fühlen, bei den „Guten“ wider die „Bösen“. Es legitimiert in den Augen derer, die sicher zu sein glauben, ein neues 1933 stehe vor der Tür, auch so gut wie jedes Mittel: zu versuchen den Parteitag einer nicht verbotenen Partei zu verhindern und dabei Gewalt auszuüben wie am vergangenen Wochenende in Erfurt; Journalisten und die Pressefreiheit anzugreifen; die Freiheitsrechte anderer einzuschränken, also seinerseits undemokratische Methoden anzuwenden.

Weiterlesen

avatar

Ilko-Sascha Kowalczuks neuer Weckruf

„Faschismus und faschistische Haltungen sind keine Meinungen, sondern müssen strikt strafrechtlich verfolgt werden. Jede Gesellschaft braucht Grenzen des Sagbaren, des Machbaren. Faschismus steht außerhalb der Grenzen, wie sie das Grundgesetz zieht.“ So steht es in den „Zehn Grundsätzen“, die der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk seinem neuen Buch „Faschismus ist keine Meinung – Stabil bleiben in autoritären Zeiten“ voranstellt.

Damit ist der Ton gesetzt für einen Rundumschlag über den neuen Hang zum Autoritären. Es ist eine erhellende und zugleich erschreckende Abrechnung mit den Akteuren und Verharmlosern des neuen erstarkenden Faschismus und zudem eine Argumentationshilfe für die Verteidiger von Freiheit und Demokratie. Dazu einige persönliche und sicher unvollständige Anmerkungen. Weiterlesen

avatar

Der NATO-Gipfel darf nicht zum Kniefall vor Erdoğan werden

Image by Marek Studzinski from Pixabay

Das Treffen in Ankara könnte als jener Moment in die Geschichte eingehen, in dem sich das westliche Verteidigungsbündnis endgültig mit Erdoğans autoritärem nationalislamistischen System arrangiert hat. Genau das darf nicht geschehen.

Seit Jahren wird argumentiert, der türkische Präsident müsse eingebunden werden. Sein Land sei zu wichtig, um ihn zu verprellen. Wer widerspreche, gefährde den Zusammenhalt der NATO. Diese Argumentation ist nicht neu. Mit ihr wurde bereits in den vergangenen zwei Jahrzehnten Erdoğans Politik verharmlost.

Dabei hat Erdoğan nie einen Hehl daraus gemacht, dass er die freiheitlichen Werte des Westens ablehnt. Seine Aussage, Demokratie sei wie ein Zug, auf den man aufspringe, bis man sein Ziel erreicht habe, war Ausdruck seines politischen Verständnisses. Weiterlesen

avatar

Die Pressefreiheit wird mit Fäusten und Worten attackiert

Im Visier von Linken: Aus einem Bericht von Apollo News über die Demonstrationen gegen den AfD-Parteitag

Wer wie linke Demonstranten in Erfurt Journalisten tätlich angreift, greift die Pressefreiheit an. Wer das Vertrauen in seriöse Medien untergräbt, nimmt der Pressefreiheit die Grundlage – so wie die AfD, indem sie alle klassischen Medien pauschal als „Lügenpresse“ diffamiert.

Beim Angriff auf Mitarbeiter von Apollo News und der „Jungen Freiheit“, die Demonstranten gegen den AfD-Parteitag filmen und interviewen wollten, handelt es sich nicht nurum Körperverletzung, sondern um einen Angriff auf die Pressefreiheit. Diese Angriffe sind ohne Wenn und Aber zu verurteilen. Wer Journalistinnen und Journalisten körperlich attackiert, weil sie filmen, fragen oder berichten wollen, greift nicht nur einzelne Personen an. Er greift unser aller Recht an, sich ein eigenes Bild zu machen. Weiterlesen

avatar

Was haben Greta Thunberg und die Pink Panthers Berlin mit der Hamas zu tun?

Bild: Gemini-KI, nach Prompts von A.P.

In meinem letzten Beitrag untersuchte ich das psychologisch-politische Phänomen der Verdrängung und Übertragung anhand der Verdrängung der ethnischen Säuberung der deutschen Ostgebiete und der Übertragung der Wut und Trauer auf den jüdischen Staat, der angeblich die Araber aus dem früheren britischen Mandatsgebiet Palästina verdrängen wolle.

Weiterlesen

avatar

Marilyn auf der Couch

Ein Beitrag zum 100. Geburtstag einer Diva

Buchcover Haarkötter Marilyn

Als eine ungeheure Vertiefung unserer Wahrnehmung erschien Walter Benjamin der Film. Vergleichbar nur mit der Bedeutung von Freuds Klassiker Psychopathologie des Alltagslebens mit seiner bahnbrechenden Interpretation scheinbar nebensächlicher Fehlleistungen und Ticks. Mit seinen Techniken wie etwa Zeitlupe, Zeitraffer sowie mikroskopischen close ups rücke der Film das „Optisch-Unbewusste“ erstmalig ins Licht des Bewusstseins.

Weiterlesen

avatar

Was waren, was taten „die mächtigen Vertriebenenverbände“?

Eine Erwiderung auf Alan Posener

Wie wird man mächtig in der Demokratie? Durch markige Sprüche und und öffentlich aufgeführte schlesische Volkstänze?

Mitnichten. Macht erlangt „man“ in der Demokratie durch das Aufstellen einer Interessenvertretung und deren Einzug in die Parlamente. Der 1950 in Schleswig-Holstein gegründete Block der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE) zog noch im selben Jahr mit 23,4 % der Wählerstimmen in den dortigen Landtag ein. Das war noch wenig, angesichts der Tatsache, dass in jenem Jahr jeder zweite Einwohner Schleswig-Holsteins ein Vertriebener war.

Und wo in späteren Jahren der Flensburger Klempnermeister Röhrich seinen Gesellen „Eckat“ losschickt, ob bereits „die Russen im Keller“ seien (Bild oben). Weiterlesen

avatar

Was Palästina mit Pommern, Gaza mit Danzig zu tun haben

Plakat der Vertriebenenverbände. Urheber: CDU. Quelle: Wikimedia Commons

Als ich 1962 nach Deutschland kam, entdeckte ich, dass die Deutschen, anders als ich es in meiner Heimat gelesen hatte, Opfer waren. Opfer des alliierten Bombenkriegs etwa. Von „Dresden, Hiroshima und Auschwitz“ war die Rede, wenn es um die Verbrechen des Zweiten Weltkriegs ging: Zwei der Alliierten zu einem von uns.

Weiterlesen

avatar

Nazis blieben Nazis

Der Autor Harald Flint-Stoelting

Aufgewachsen als Sohn eines schwarzen US-Besatungssoldaten musste ich in der Nachkriegszeit die Überreste des 1000jährigen Reichts erleiden. Aber es gab auch Menschen, die sich dem mutig entgegen stellten. Teil 2 meiner Lebenserinnerungen. Teil 1 finden Sie hier, Teil 2 hier.

„Nun waren die frühkindlichen Erfahrungen in den frühen Nachkriegsjahren nicht meine letzten Zusammenstöße mit den Relikten der Ideologie des Tausendjährigen Reiches. Es war die Straßenbahnlinie 3 (in Bremerhaven), in die meine Pflegeeltern, Otto und Sophie Flint, den Kinderwagen hievten. Ein Fräulein, welche noch wöchentlich Tränen weinte, weil die Treffen ihres BdM-Klubs seit einigen Jahren ausfielen, dieses M…stück beugte sich zu mir hernieder, stockte, schaute Sophie, meiner lieben Pflegemutter ins Gesicht und gab dem ganzen Abteil der Linie 3 folgendes zu Protokoll:

‚Neger-Hure‘ Weiterlesen
avatar

„Wenn du mit dem schwatten Dübel naar Hus kommst, schloch ik di dood“

Harald Flint-Stölting alias William Clark an Bord eines Schiffs in Holland

Als Sohn eines schwarzen US-Besatzungssoldaten und einer deutschen Mutter machte ich nach dem Krieg schon sehr früh Erfahrungen mit den Überresten des Nationalsozialismus. Teil 2 meiner Lebenserinnerungen. Den 1. Teil finden Sie hier.

Am nächsten Morgen begannen wir unser erstes Gespräch mit einem ausgiebigem Frühstück. Meta, seine Ehefrau, rief fragend aus ihrem Reich „Was wollt ihr trinken?“, „Tee“, rief ich und sagte nach einer kurzen Pause: „William, ich hab deine erste Autobiographie, die du ‚Stolpersteine‘ nanntest, gestern abend noch gelesen habe. Ich fand sie nach längerem Suchen unter Academia.edu, William Stoelting, Stolpersteine. Was bewog dich zu dem Titel, der ja eigentlich für das Schicksal der jüdischen Opfer der Nazis und der Sinti und Roma gedacht ist?“ Weiterlesen

avatar

Von den vier Feinden des Sozialismus. Heute: der Sommer

Sozialismus ist ein Versprechen.

Das Versprechen, dass der Staat sich um Ihr Wohlergehen kümmern wird. Um Ihren gesunden Leib und Ihre gesunde Seele.

Stellen Sie sich mal vor: Sie sind ein Oberstudienrat, haben sich in der Leipziger Innenstadt eine Eigentumswohnung gekauft, direkt über dieser Straßenbahnkreuzung, und nun quietscht es da.

Die Straßenbahn quietscht sogar noch nachts um 4. Gleich um 5 gehts wieder los. Weiterlesen

Scroll To Top